Das Anhaften ist ein Begriff, der mir im deutschen Sprachgebrauch nicht geläufig ist.

Im Buddhismus hat er eine Bedeutung beim Thema Liebe. Der Buddhismus unterscheidet zwischen Liebe und Anhaften. Unter Liebe verstehen die Buddhisten, ein offenes Herz zu haben, sich berühren zu lassen und von Liebe erfüllt zu sein.

In Liebe sein bedeutet, keinen Mangel zu leiden. In Liebe sein heißt, vom Glück erfüllt zu sein.
Es ist wie bei einem Wassereimer, der überläuft: Er läuft über wie die Liebe, die wir anderen bedingungslos schenken.

Anhaften ist ein Zustand, an dem der Mensch leidet, weil er einen inneren Mangel spürt. Er braucht andere Dinge, Menschen und vor allem einen Partner, der diesen Mangel ausfüllen soll. Dieser innere Mangel wird oft als Leere empfunden, als „Einsam-Sein“.

Rosenblatt auf Hecke

Rosenblatt auf Hecke

Leere und Mangel kann man auf verschiedene Weise überdecken. Beispielsweise mit einem neuen technischen Spielzeug, einem interessanten Menschen, den man auf einer Party kennenlernt, oder auch, indem man verliebt auf einer rosaroten Wolke schwebt.

So überlagert ein schönes Gefühl die innere Leere, und man muss sie nicht mehr spüren. Die Leere ist aber trotzdem da und wir müssen uns ihr immer wieder stellen, denn nach einer Zeit ist der neue Reiz verbraucht und der Mangel ist wieder zu spüren.

Dem kann man mit neuen Errungenschaften begegnen, aber diese überdecken die Leere wiederum nur eine Zeit lang. So entsteht ein ständiger Kreislauf, der vermutlich eine Ursache des Konsumrauschs in unserer Gesellschaft ist.

Der Mangel, das Gefühl der Leere, ist oft verbunden mit einer unbewussten Forderung an unsere Partner im Leben, diesen zu füllen und auszugleichen ~ sei es in einer Liebesbeziehung, im Freundeskreis oder in der Familie.

„Sie sind dafür zuständig”, wie wir uns fühlen. Man braucht den anderen, man haftet ihm an, um selbst glücklich zu sein und diese Leere nicht spüren zu müssen. Aus dem Brauchen wird dabei ein Verbrauchen.

Dem Mangel kann man aber auch heilsam begegnen. Und es ist natürlich ganz einfach. :)

Man schaut sich die ganzen Zusammenhänge einfach einmal anschaut. Sich der Leere in sich selbst stellen, das Anhaften verstehen ~ dies sind erste Schritte in einem Prozess, der uns lehrt, wie wir “den Wassereimer” durch unsere eigene Kraft wieder auffüllen können!

Manchmal ist das Verstehen schwierig oder scheint uns ohne Hilfe gar nicht möglich. Unterstützung hierfür bietet bspw. hier das Buch “Hoch wie der Himmel, tief wie die Erde – Meditationen zu Liebe, Beziehungen und Arbeit”. In ihrem Buch schreibt Sylvia Wetzel auch über den Unterschied zwischen Liebe und Anhaften:

  • Liebe entspringt innerem Reichtum, während Anhaftung durch inneren Mangel entsteht.
  • Liebe sieht die geliebte Person realistisch, sie erkennt und liebt auch ihre Schwächen, während Anhaftung durch eine rosarote Brille schaut.
  • Liebe nimmt stetig zu, während Anhaftung heftig schwankt und in Hass oder Gleichgültigkeit umschlagen kann.
  • Liebe tut gut und Anhaftung tut weh.

Quelle: Sylvia Wetzel ~ Hoch wie der Himmel, tief wie die Erde*

Ein sehr schönes und reiches Buch, das ich gerne weiterempfehle.

Sylvia Wetzel beschreibt viele Dinge des täglichen Lebens aus der buddhistischen Sichtweise heraus. Das Buch enthält zahlreiche hilfreiche Überlegungen und Übungen, die für jeden verständlich geschrieben sind, auch wenn man einen anderen Glauben besitzt. ~ Wir können unser Leben lebenswerter gestalten und lernen, “wie wir den Wassereimer selbst wieder auffüllen können”.

Während wir lernen, uns von Anhaftungen zu befreien, lernen wir, wie wir (wieder) ganz werden, und dann kann in unseren Beziehungen ein gesundes Miteinander entstehen. Wo zwei Ganzheiten sich begegnen, müssen keine Löcher gestopft werden. Es kann Liebe fließen!

Wenn wir verstehen, wie wir uns der Liebe öffnen, sind wir nicht nur von Anhaftungen befreit, sondern können anderen auch von der Kraft unserer Liebe etwas abgeben. Wir müssen uns nicht mehr an ihnen „satt trinken“, weil wir scheinbar nichts haben, sondern erfahren uns selbst als Liebe empfangend und gebend.

Der Weg

Der Weg

Jemanden aus tiefstem Herzen zu lieben, bedeutet, dem anderen eine Hilfe auf seinem Weg zu sein.

In Liebe sein heißt, die Wahrheit des anderen wahrzunehmen und zu verstehen, warum er so ist, wie er ist.

Wenn wir in Liebe sind, werden wir den anderen schmerzfrei seinen Weg gehen lassen, auch wenn das bedeutet, dass wir ihn dabei vielleicht nicht mehr begleiten werden.

Gedicht von Rainer Maria Rilke


Man weint sich nicht in ein Leid hinein
Und lacht sich nicht in ein Seligschein
Und wärmt sich an keiner Verwandschaft.
Und was du schaust
Und erbaust
Liebst und verstehst:
Ist alles Landschaft,
Durch die du gehst.

Auszug aus “Herbstliche Alleen”

Alle Gedichte von Rainer Maria Rilke finden Sie im Buch „Die Gedichte„*

Buchempfehlungen

# Dieser Artikel wurde am 21. Februar 2006 auf meiner ersten Domain „alleinsein.de“ veröffentlicht. Im März 2012 wurde er mit Hilfe von Karen Borberg überarbeitet. Die Buchempfehlung von Chuck Spezzano stammt von ihr ~ Sie schreibt: „Das Buch beleuchtet das Thema zwar von einer anderen Seite, es kommt aber aufs selbe heraus.“ #

*buch7.de